Single Börse Kapitel 27







Das wahre Wesen

Es hatte seit zwei Tagen ohne Unterlass geregnet.
An einen Hundespaziergang in den Lennewiesen war
überhaupt nicht zu denken.
Dort wo sich einst der Trampelpfad durch das Gebüsch hinzog
stand das Wasser über einen Meter hoch.
Also stand Kurzspaziergang in den Feldern hinterm Haus an.

„Komm Dicke, Hund geht On Lein"

Die Möglichkeiten für Caro sich auszutoben waren annähernd
so gut wie im Freilaufgebiet.
Zum einen jedoch trafen wir hier nicht so häufig auf andere
Hunde mit denen sie dann spielen konnte.
Und zweitens sah sie nach so einem Spaziergang durch die
Felder auch immer dementsprechend aus.
Wie der , der aus dem Sumpf kam.
Da sie zudem ausgesprochen wasserscheu war,
bereitete es mir anschließend immer ein Unmenge Freude,
das Haus wieder zu säubern.

„Hol das Bällchen, komm hol es"

Wie immer jagte sie dem Ball hinterher.


Sie sah die Rehe dieses Mal vor mir.
Keine Chance noch einzugreifen.
Der Hund war fast fünfzig Meter entfernt.
Kurz blieb sie stehen, zitterte am ganzen Körper,
lies den Ball fallen und jagte mit raumgreifenden Schritten den
Rehen entgegen.
Die Rehe sahen sie kommen, doch es gab keine Chance
auszuweichen.
Sie bewegten sich direkt am Drahtzaun der das Feld
umspannte.
Es waren nur noch wenige Meter,
dann hatte Caro Sie erreicht.
Und was dann passierte lies mich am Wesen meines Hundes,
an seinem Trieb und letztendlich auch an mir zweifeln.
Nicht, wie ich es erwartet hatte, stürzte sich Caro auf die Rehe
um sie zu jagen, zu stellen.
Nein mein Hund bewegte sich in geduckter Demutshaltung auf
die Rehe zu und forderte sie mit weit auseinandergerissenen
Beinen zum Spiel auf.
Caro sah in den Rehen anscheinend große braune Hunde.
Die Rehe standen nur kurzeitig verängstigt am Zaun.
Urplötzlich entschieden sie sich für die Flucht nach vorn.
Caro wie der Wirbelwind hinterher.
Dieses Spiel schien ihr zu gefallen.
Die Rehe mit einer hinterherjagenden Caro rannten in
Richtung Wald, der sich am anderen Ende des Feldes
anschloss.
Alle meine Versuch sie abzurufen, alle meine Pfiffe auf die sie
für gewöhnlich reagierte, blieben ungehört.
Die Dicke verschwand mit den Rehen im Wald.
Was sollte ich jetzt tun?
Hinterher, anderthalb Kilometer durch das schlammige Feld?
Und dann, würde ich sie im Wald finden ?
Ich entschied mich zu warten.
Und ich wartete. Ich rief, und ich wartete.
Menschen kamen vorbei, boten mir einen Kaffee an.
Ich wartete.
Ich hatte mir schon meine eigene Schneise in den Feldweg
eingelaufen als ich mein Mädchen samt Rehe aus dem Wald
kommen sah.
Ein kurzer Pfiff, ein Ruf und die Dicke flog mir entgegen.
Die Rehe verschwanden im Wald.
Ich hatte meinen Hund total falsch eingeschätzt,
weil ich nichts von seinem wahrem Wesen wusste.
Weil ich alles was ich meinte zu wissen mir nur durch andere
Menschen, durch Zeitschriften und Bücher angeeignet hatte.
Und jetzt kam mein Hund und zeigte mir einen weiteren Schritt
meines Weges auf.
Sieh nicht nur mein äußeres.
Sicher, ich habe ein Fell, ich bin ein Hund.
Sicher, man sagt, Hunde jagen.
Aber glaubst Du, nur weil ich Hund bin muss ich zwangsweise
jagen.
Befass Dich mit mir.
Sieh wie ich wirklich bin, nicht das was andere sagen, nicht
das was andere meinen.









Zurück zur Auswahl

     Weiter zum nächsten Kapitel